B wie Base

 

 

 

 

 

o, Bi, Base. Leider kennen nur noch sehr wenige, meist ältere Herrschaften, diesen Ausdruck. Dabei klingt er so sanft und leicht. Doch leider nicht so avantgardistisch, wie das aus dem französischen stammenden Wort “Cousine”. Hinzu kommt, dass Base zu früheren Zeiten ebenfalls für die “Tante” benutzt wurde. So ergaben sich immer wieder Nachfragen bzgl. der Person, die einem gerade vorgestellt wurde.

„Das ist meine Base.”

„Tante oder Cousine?”

Das war wohl das eindeutige Aus für das wunderbare Wort. Wenn man doch so schnell auch seine Verwandten verschwinden lassen könnte 😉

Zeit-Geschenke

Dieses Wochenende ist es mal wieder so weit – man beraubt uns einer Stunde. Über den Sinn und die Zweckmäßigkeit der Sommer- und Winterzeit lasse ich mich hier nicht aus, keine Angst. Mir geht es darum klarzustellen, wie wichtig so eine einzelne Stunde in unserem kurzen Dasein ist.

„Wir kriegen nicht alles, aber alles zurück.“

Dieser Weisheit entsprechend, verschenke ich nur noch gemeinsame Zeit. Gerade die letzten Tage haben mir gezeigt, dass wir gemeinsame Stunden nicht aufschieben sollten. Das klingt alles sehr theatralisch, ich weiß. Aber es entspricht nun einmal der Wahrheit.

Wir bereuen, was wir in unserem Leben ausgelassen haben, was wir immer wieder vertagt haben, wen wir haben warten lassen, wem wir mehr Aufmerksamkeit hätten schenken können.

„Hinterher ist man immer schlauer.“ Versuchen wir doch mal vorher klüger zu sein. Wäre das nicht eine Alternative?

Mein Vater wird im nächsten Monat 55 Jahre alt. Er wünscht sich einen Briefkasten. Natürlich wäre es einfach für mich, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Aber ich weiß, dass er sich über einen gemeinsamen Tagesausflug an die Küste (inklusive Teezeit und Fischbrötchen) viel mehr freuen würde.

Habe ich dafür Zeit? Nein, aber genau diese Tatsache macht den Ausflug umso kostbarer. Er schenkt uns gemeinsame Erinnerungen und die sind unbezahlbar!

Wegweiser

Ich sitze im Auto und warte. Bis zu meinem Termin bleibt mir noch eine halbe Stunde. Draußen herrschen angenehme dreiundzwanzig Grad. Von meinem Platz aus, beobachte ich fünf ältere Menschen. Sie sitzen sonnengeschützt vor ihrem Altenheim unter einem verwitterten Vordach. Keiner von ihnen spricht – Sie vegetieren einfach vor sich hin.

Zwei Seniorinnen teilen sich eine unbequem aussehende Plastikbank. Die größere Dame von beiden schaut sich in regelmäßigen Abständen um. Ihr Blick wandert von rechts nach links und wieder zurück. Die Kleinere starrt durchgehend auf ihre Füße.

Die ihnen gegenüberstehenden Stühle besetzen ebenfalls zwei Rentnerinnen. Die Frau im geblümten Rock guckt in die Ferne. Geistesabwesend beschäftigt sie ihre Finger mit dem Kneten eines Taschentuchs. Die Dame neben ihr trägt einen grauen Walkrock, der ihr sichtlich Unbehagen bereitet. Im Abstand von Sekunden zupft und zieht sie an seinem Saum.

Die Riege vervollständig ein alter Mann, der mit dem Rücken zu mir sitzt. Er trägt einen schwarzen Pullunder über einem blauen Hemd. Allein der Gedanke, bei den Temperaturen diese Kleidung tragen zu müssen, treibt mir Schweiß auf die Stirn.

Ich beobachte die Fünf seit zehn Minuten. Es finden keine nennenswerten Positionswechsel statt. Die Gruppe verweilt dort, wie Reisende an einer Bushaltestelle. Sie würdigen sich keines Blickes. Jeder vertieft in seine Gedankenwelt. Ich frage mich, ob sich diese Menschen fremd sind oder sie sich jeden Tag unter dem Vordach versammeln, um gemeinsam zu warten. Aber worauf?

Was der Tag noch bringt?

Was ihr rechtliches Leben für sie bereithält?

Auf das Ende?

Sieht so der Herbst unseres Daseins aus?

Die Alten erwecken nicht den Eindruck von Zufriedenheit.
Fragen sie sich, ob ihre Existenz einen bestimmten Zweck erfüllt?
Bereuen sie Entscheidungen, die sie vor Jahren trafen? Können sie sich an jeden ihrer eingeschlagenen Wege erinnern?
Wollen sie das überhaupt?

Mein Blick fällt beiläufig auf die Uhr. Noch fünf Minuten bis zu meinem Termin. Wird er mich vorantreiben? Treffe ich die richtige Person? Fälle ich eine Entscheidung, die mein Leben verändert oder nehme ich in fünfzig Jahren den Platz einer meiner Beobachtungsobjekte ein?

Zeit, unser kostbarstes Gut

Vor ein paar Tagen wurde ich auf Veränderung angesprochen. Speziell ging es um die menschliche Veränderung, die jeder Einzelne von uns durchlebt. Oft fällt die Veränderung so stark aus, dass Beziehungen auf der Strecke bleiben. Noch vor einem Jahr kannte man eine Person, wie seine eigene Westentasche und im nächsten Moment trudeln Unterhaltungen in die Weißt-du-noch-damals-Spirale. Warum passiert so etwas? Die Antwort: Man teilt sich eine Vergangenheit- eine gemeinsame Gegenwart fehlt. Die Zeit ist zu knapp, um sich mit den neuen Facetten des Anderen anzufreunden. Mit einem Wimpernschlag wird ein Freund oder ein Angehöriger zu einem Fremden. In dieser Situation muss man sich fragen, ob ein Bedarf an einer weiteren Verbindung vorhanden ist. „Natürlich“, schreien alle laut auf. Aber Vorsicht! Die Minuten rieseln unaufhaltsam, wie feiner Sand durch unsere Hände. Ein 24-Stundenrennen. Tagein, tagaus. Wo also noch die Zeit hernehmen, um Menschen, die einem mal vertraut waren, neu kennenzulernen? Eine Stunde berappen, indem ich früher aufstehe? Schneller zu Arbeit jage? Termine verschiebe oder für ganz Verrückte sogar absage? Ist das die Beziehung Wert? Wie schnell geht einem die Frage: Weißt du noch damals? über die Lippen und erspart viele Begegnungen. Zeit ist kostbar und in unserem Jahrhundert seltener als Gold zu finden.